Selbstbehauptung und kulturelle Betätigung

„Ich kam unter der Häftlingsnummer 5762 im Juni 1941 in eine kulturentleerte und für alles Geistige geradezu tödliche Atmosphäre. Schwere Arbeit, Hunger und Misshandlungen bestimmten derartig die Atmosphäre des Lagers, dass zu dieser Zeit, besonders für einen Zugang, an Gedichte, Ideen, Theater oder auch nur Zeitungen nicht zu denken war; es ging auf einer völlig tierischen Ebene alltäglich um das nackte Leben.“

Heinrich Christian Meier, ehemaliger deutscher Häftling, war von Juni 1941 bis November 1944 im KZ Neuengamme inhaftiert. Bericht, 15.11.1960.

Seelische Situation und Selbstbehauptung

Drangsalierungen und Gewalt führten dazu, dass viele Häftlinge nur noch an den nächsten Augenblick und an das nackte Überleben dachten. Brutaler Egoismus und hartes Durchsetzungsvermögen schienen hierfür oft der einzige Weg zu sein. Die Erfahrung, dass es trotz allem auch Kameradschaft und Solidarität gab, half vielen über schwere Situationen hinweg. Häftlinge, die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten halten konnten, bewahrten leichter ihr Selbstwertgefühl, ihre geistige Freiheit und die Gewissheit, dass sie ihren Peinigern geistig und moralisch überlegen waren. Manchen gelang es, die Entbehrungen besser zu ertragen, indem sie sich in innere Gegenwelten und Fantasien flüchteten. Häufig veränderten die Erfahrungen im KZ das religiöse Empfinden der Häftlinge – manche verloren im täglichen Existenzkampf ihren Glauben, anderen gab er besonderen Halt.

„Wenn [...] die Gespräche und Diskussionen über allerlei Probleme und verschiedene Themen, die im Sommer auf dem Appellplatz und in irgendeiner Ecke des Blocks im Winter geführt wurden (während der zwei freien Arbeitsstunden, nach dem Appell), [in Betracht gezogen werden], so war das ein Ersatzmittel für das kulturelle Leben im [...] Lager. Man sammelte sich in nicht gebundenen Gruppen von ein paar Häftlingen. Größere Ansammlungen wären gefährlich [gewesen], sie weckten Aufmerksamkeit und gerieten in Verdacht einer organisierten Aktion. Einige Häftlinge waren neugierig und wollten Nachrichten aus der Welt und [von] der Front wissen, andere Gerüchte und Lagerneuigkeiten, Voraussagen und Prophezeiungen über das Kriegsende. Gruppen, die über Literatur, Geschichte und [die] antike Welt, über Vorstellungen von Idealen und Schönheit, Sinn des Daseins und Lebens, über Soziologie, Astronomie usw. [sprachen,] waren nicht zahlreich, aber standhaft.“

Mieczysław Krause, ehemaliger polnischer Häftling, war von Dezember 1940 bis Mai 1945 im KZ Neuengamme inhaftiert. Bericht, 25.7.1984.

Kontakte zur Außenwelt

Briefe waren die wichtigste Kontaktmöglichkeit nach außen. Da die SS eine Zensurstelle eingerichtet hatte, mussten die Häftlinge ihre Briefe so schreiben, dass die SS keinen Anstoß an deren Inhalt nehmen konnte. Vielen war jedoch der Briefkontakt verboten (z. B. Gefangenen der Strafkompanie, jüdischen Häftlingen und „Nacht und Nebel“-Häftlingen). Anderen stand diese Möglichkeit nicht offen, weil ihre Angehörigen in Gebieten lebten, die von der Post nicht bedient wurden, z. B. in den Operationszonen des Heeres in der Sowjetunion und Italien. Einige Häftlinge hatten bei der Arbeit zwar Kontakt mit Zivilpersonen (z. B. mit Personal von Lieferfirmen und mit Aufsichtskräften in Rüstungsbetrieben), doch diese hielten sich aus Furcht, selbst bestraft zu werden, meist an das Verbot privater Kontakte.

 

Ausschnitt eines Kuverts, auf das "Postzensur KL Ng" gestempelt wurde. Auf dem Stempel befindet sich eine Unterschrift der Person, die den Brief zensiert hat.

„Zweimal im Monat durften wir Post empfangen und konnten zweimal im Monat nach Hause schreiben. Offiziell durften wir nur an direkte Verwandte schreiben. Wenn wir innerhalb einer Periode von 14 Tagen Post von zwei verschiedenen Seiten erhielten, wurde ein Brief an den Absender zurückgesandt mit dem Vermerk ‚Zurück an den Absender‘. Außerdem der Vermerk ‚Mit den Lagerbestimmungen nicht in Einklang zu bringen‘ oder der Brief wurde auch sofort vernichtet. Russen und Juden durften überhaupt nicht schreiben. Dasselbe betraf auch Angehörige der Strafkompanie. Ein- und ausgehende Post wurde zensiert. Eingehende Briefe durften vier Seiten mit je 15 Zeilen enthalten. Ausgehende Post durfte nicht mehr als 2 Seiten mit 15 Zeilen haben.“

Herbert Schemmel, ehemaliger deutscher Häftling, war von Ende Juni 1940 bis 1945 im KZ Neuengamme inhaftiert. Eidesstattliche Erklärung vom 20.12.1945 in Hamburg vor Captain Anton Walter Freud, Britisches War Crimes Investigation Team Nr. 2.

Kulturelle Betätigung

Schwarz-weiß-Foto einer Gruppe ehemaliger polnischer Häftlinge, die vor einem Haus in Malmö/Schweden stehen und teilweise Musikinstrumente in den Händen halten.

Für kulturelle Betätigungen ließ der tägliche Überlebenskampf wenig Raum. In Gesprächen über Literatur und Musik des Heimatlandes drückte sich der Wille zur Selbstbehauptung aus. Als während der Flecktyphusquarantäne Anfang 1942 die Arbeit ruhte, boten sich Möglichkeiten, Geschichten, Lieder und Gedichte vorzutragen, Kunststücke vorzuführen und Musik zu machen. 1943/44 erlaubte die SS zeitweise großzügiger Freizeitaktivitäten. Neben der Kapelle, die beim Appell Märsche spielte, entstand ein Lagerorchester, das manchmal sonntags Konzerte gab. Es gab auch eine Bibliothek, die jedoch fast nur deutsche Bücher enthielt. Besonders gut besucht waren gelegentliche „bunte Abende“ sowie Boxkämpfe und Fußballspiele. Auch einige aus dem KZ gerettete Zeichnungen und Bastelarbeiten zeugen davon, wie Häftlinge den mörderischen Existenzbedingungen widerstanden.

Zeichnungen

Im Lager wurde mit allem Verfügbaren heimlich gezeichnet, mit Bleistift oder Kohle, auf Papierfetzen, Formularrückseiten und in Notizbüchern. Die meisten Bilder sind jedoch verloren gegangen. Viele vernichteten die Zeichner aus Vorsicht selbst. Nur wenige Blätter gelangten auf oft abenteuerliche Weise in die Freiheit. Zeichnen war eine der Möglichkeiten der Selbstbehauptung. Einige Zeichnungen dienten aber auch als Tauschware. Der überwiegende Teil der Kunstwerke entstand kurz nach der Befreiung, zum einen als Versuch der Bewältigung der Hafterlebnisse, zum anderen zur Dokumentation der Schrecken der KZ-Haft. Unter den Zeichnern waren nur wenige ausgebildete Künstler, doch auch anderen gelang es, den Alltag und Terror in den Lagern, der in keinem Foto bezeugt ist, anschaulich zu machen.

Die Zeichnung zeigt eine Gruppe Häftlinge mit Musikinstrumenten in Reihen aufgestellt auf dem Appellplatz. Sie werden von einem Dirigenten geleitet, während links Personen in schwarzen Uniformen maschieren.  Im Hintergund sieht man Bäume und Gebäude.
virtuelle Ausstellungen

Die Hauptausstellung „Zeitspuren“ sowie die übrigen Ausstellungen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme stehen auch in der Mediathek digital zur Verfügung.

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Kontakt

E-Mail: lernwerkstatt@gedenkstaetten.hamburg.de
Telefon: +49 40 428 131 551