Sammeltransporte und Ankunft
Während der Sammeltransporte in Güterwaggons wurden die Menschen manchmal tagelang auf engstem Raum zusammengepfercht, so dass sie weder Schlafmöglichkeiten noch Privatsphäre hatten. Selbst das Verrichten der Notdurft fand vor den Augen fremder Menschen statt. Besonders unerträglich war es in den Waggons an heißen Sommer- und kalten Wintertagen. Es gab kein Wasser, manchmal auch nichts zu essen. Die Folge dieser Bedingungen waren Krankheiten, Verletzungen und Todesfälle. Wer zu flüchten versuchte, wurde erschossen. Kleinere Gruppen oder Einzelpersonen wurden mit Polizeifahrzeugen, bisweilen auch in Personenwaggons transportiert.
Der „Bahnhof“ des Konzentrationslagers Neuengamme, 1944. Der Gleisanschluss wurde 1943/44 hergestellt. Das Gleis zweigte von der Bahnstrecke der Bergedorf-Geesthachter Eisenbahn ab, die von Bergedorf nach Zollenspieker an der Elbe führte. In den Güterwaggons wurden ab Frühjahr 1944 Häftlinge und Waren transportiert (ANg).
„Die Reise dauerte drei Tage. Wir starben vor Durst. Wir bekamen erst am zweiten Tag ein[en] viertel Liter klaren Wassers, und der Zug rollte sehr schnell, um Fluchtversuche zu verhindern. Wir wurden furchtbar durchgerüttelt. Fünfzig Männer saßen direkt auf dem Boden, fünfzig andere standen, und alle drei oder vier Stunden wechselten wir uns ab. Die Wagen waren mit Schlössern verriegelt, nur durch ein kleines vergittertes Dach kam ein bisschen Luft. Die meisten von uns waren krank, besonders die älteren. Der Wassereimer, der uns als WC diente, stand in einer Ecke, der Gestank war ebenso schlimm, wenn nicht schlimmer als im Gefängnis. Manche wurden verrückt, und das war noch furchtbarer, als sie weinen oder schreien zu hören. Trotz aller getroffenen Vorsichtsmaßnahmen gelang es einigen Gefangenen, aus den letzten Wagen zu springen. Ich weiß nicht, ob ihnen die Flucht gelungen ist. Der Zug hielt im Bahnhof von Weimar, [das war der] Bahnhof, der Buchenwald bediente, aber es gab dort nicht genug Platz für uns und die Reise ging weiter nach Neuengamme in der Nähe von Hamburg. Es war am Nachmittag des dritten Tages, als dieser Alptraum ein Ende nahm. Man gab uns einen Napf mit Suppe, sie war der Willkommensgruß. Wir waren mehr als müde, vernichtet, die Wurst und das Brot von Compiègne [Gestapolager bei Paris] waren lange Zeit für uns verschwunden.“
Jean-Marie Landry, ehemaliger französischer Häftling, war von Mai 1944 bis Mai 1945 im KZ Neuengamme inhaftiert.