Statements von Nachkomm*innen und Studierenden

Im Rahmen des Projekts fanden an drei Wochenenden Workshops in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme statt, an denen sich die Nachkomm*innen über ihre Familiengeschichten ausgetauscht und gemeinsam Ideen für das Projekt entwickelt haben.

Im Sommersemester 2025 gab es eine Kooperation mit einem Seminar der Public History an der Universität Bremen unter der Leitung von Dr. Thekla Keuck. Die Studierenden setzten sich im Seminar zunächst mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinander. Im April 2025 nahmen sie dann mit den Nachkomm*innen aus dem Projekt am dritten Workshop teil. Am 3. Mai 2025 besuchten sie ebenfalls die Gedenkveranstaltung zur Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Neuengammes. Ihre Erfahrungen haben sie in Reflexionstagebüchern verarbeitet, aus denen wir einige Passagen zitieren dürfen.

Statements von Nachkomm*innen

Norma van der Walde

„Schon als Kind habe ich begierig zugehört, wenn im Freundeskreis meiner Eltern aus ihrem Leben berichtet wurde. In meinem Bildungsbericht zum Abitur nannte ich diese Erzählungen ‚Die Märchen meiner Kindheit‘. Aber erst im Erwachsenenalter wurde mir wirklich bewusst, wie sehr die Nazizeit das Leben meiner Eltern geprägt hatte. Indem ich von ihnen erzähle, bleiben sie für mich lebendig. Deshalb habe ich mich sehr gern an dem Projekt beteiligt. Von ihnen zu erzählen bedeutet auch, den jungen Menschen heute zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, Vorurteilen und Rassismus in jeder Form zu begegnen.“

Leefke Rosenberg

„Für mich war dieses Workshop-Wochenende besonders, weil ich es vorher noch nie erlebt habe, dass sich Außenstehende, insbesondere junge Menschen, mit meiner Familiengeschichte so intensiv befasst und sich auch alle wichtigen Informationen gemerkt haben.“

Johannes Abeler

Johannes Abeler

„Es ist das erste Mal, dass mein Anliegen zur Geschichte meines Großvaters Karl in einer Gruppe ernst genommen wurde und dass auch die studentischen Gäste sich offen gezeigt haben. Stellvertretend für Karl kann ich zufrieden sein. Und dass es auch 2012 eine Entschädigung für die Nachkommen der Zwangssterilisierten (für meine Mutter) gab, hat uns etwas Genugtuung gegeben für das Leid, das der Familie zugefügt wurde.“


Statements von Studierenden

Leo Maximilian Heyer

„Ich denke, in der Erinnerungskultur ist es wie in der Demokratie: Jeder hat eine Stimme. Die Erinnerung lebt vom Dialog, und damit anfangen kann man, denke ich, am besten in der Familie oder unter Freunden. Jede Geschichte ist individuell und daher auch wert, erzählt zu werden. Die Begegnungen mit den Nachkommen in Neuengamme haben mir gezeigt, dass die eigene Familiengeschichte der Ausgangspunkt solch großartiger Programme sein kann. Und wie in der Demokratie ist es wichtig, in der Erinnerungskultur aktiv zu werden, wenn Leute sich dagegenstellen. Ich denke, dass die Erinnerungskultur auch mehr Dialog in privaten Räumen braucht. Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Lage ist es wichtig, jede Art von Dialog zu fördern.“

Daniel Prüß

„Wir als (angehende) Historiker*innen, werden niemals allein den Anspruch erfüllen können, für eine wie auch immer geartete gesellschaftliche Wende zu sorgen. Aber wir können als Menschen denen einen Raum zum Erzählen bieten, welche bisher ausgespart wurden. Denen eine Möglichkeit darlegen, die bis hierher noch immer um die Anerkennung ihrer Leidensgeschichten im gesamtgesellschaftlichen Kontext kämpfen müssen.“„Wir, als (angehende) Historiker*innen, werden niemals alleine den Anspruch erfüllen können für eine wie auch immer geartete gesellschaftliche Wende zu sorgen. Aber wir können als Menschen denen einen Raum zum Erzählen bieten, welche bisher ausgespart wurden. Denen eine Möglichkeit darlegen, die bis hierher noch immer um die Anerkennung ihrer Leidensgeschichten im gesamtgesellschaftlichen Kontext kämpfen müssen.“

Dieter Ukena

„‚Wir sind alle Vergangenheit‘. Keiner kann seine Vergangenheit verdrängen oder gar vergessen. Denn jede/r von uns verspürt das zeitlose Bedürfnis, ihre/seine Werdung als Mensch und Persönlichkeit zu verstehen. Dazu braucht es die Familiengeschichte. Auch das ist mir in diesem Seminar vor Augen geführt worden.“

Quellenangabe: Lebert, Stephan/Lewitan, Louis (2025): DER BLINDE FLECK. Die vererbten Traumata des Krieges und warum das Schweigen in den Familien jetzt aufbricht. München: Heyne, S. 188.

Joel Warnke

„Besonders die direkten Begegnungen mit den Nachkommen der NS-Verfolgten haben für mich völlig neue Perspektiven geschaffen und mir eine persönlichere Bindung rund um das Thema Erinnerungskultur und Familiengeschichte gegeben. Die Offenheit der Nachkommen hat mich wirklich zutiefst beeindruckt. Ich habe gelernt, dass Erinnerungsarbeit viel persönlicher ist, als sich nur mit Fakten rund um die Geschichte zu beschäftigen. Dabei wurde mir die Große emotionale Last viel deutlicher bewusst, die grade die Nachkommen teils noch in sich trugen, wenn ihre Vorfahren direkte Familienmitglieder waren.“

Pitt Woischneck

„Ich möchte, dass die nächste Generation mehr hat als nur ein paar Fotos oder Urkunden. In diesem Zusammenhang ist das Seminar und der Austausch mit den Nachkommen der NS-Verfolgten für mich ein erneuter Weckruf geworden, mich mehr um den Erhalt der Familiengeschichte zu kümmern und diese so detailliert wie möglich zu erhalten. Dabei muss vor allem die Ambivalenz der Erzählungen und Taten meiner Vorfahren festgehalten werden. Gerade für jene, die in der Zeit des Nationalsozialismus lebten und handelten.“


virtuelle Ausstellungen

Die Hauptausstellung „Zeitspuren“ sowie die übrigen Ausstellungen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme stehen auch in der Mediathek digital zur Verfügung.

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